Du bist nicht angemeldet.

WoW-Castle auf Facebook WoW-Castle auf YouTube WoW-Castle auf Twitter WoW-Castle als RSS-Feed

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

1

14.12.2011, 01:38

#01 Wächter - Der Anfang

Hab grad das Forum hier entdeckt und gedacht...mach einfach mal mit. Hab die Geschichte vor'n paar Jahren mal geschrieben. Viel Spass beim Lesen...



Der Anfang





Die schwarze Gestalt passte richtig in
diese Umgebung. Hier sah es aus , wie in einer Wüste , was aber völlig egal war
, denn dieses Wesen vermochte weder Kälte noch Hitze zu spüren. Es war etwas
besonderes, auch in dieser Welt. Es war sehr mächtig und hatte viele Namen in
vielen Welten, aber es hatte sich auch Gesetzen zu unterwerfen, die lange vor
seiner Entstehung von Mächten geschrieben wurden, deren langer , grauenvoller
Arm noch bis in die heutige Zeit
reicht, obwohl man sie längst vergessen hat. Nur die schwarze Gestalt
und eine Handvoll weiterer Wesen werden von Zeit zu Zeit schmerzhaft an die
Existenz ihrer Urväter erinnert. So war es auch hier geschehen. Die schwarze
Gestalt stand inmitten dieser Einöde. Weit und breit war nichts zu sehen, man
hätte Tage, Monate oder Jahre in irgendeine Richtung gehen können, ohne auch
nur die geringste Veränderung festzustellen. Diese Welt war endlos.


Der pechschwarze Umhang umwallte die Gestalt, obwohl kein Lüftchen
wehte. Die Kapuze zog sich derart weit über den Kopf des Schwarzen, das ein
eventueller Betrachter allerhöchstens das schwache rote Glühen seiner Augen
hätte sehen können, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch
das letzte gewesen wäre, das er gesehen hätte.


Der Schwarze stand nur da. Zeit
spielte sowieso keine Rolle. Zeit gab es in dieser Welt gar nicht.


Eine Veränderung kündigte sich an.
Keine sichtbare, nur eine Wahrnehmung. Ein Vibrieren ging durch die schwarze
Gestalt. Der wolkenlose , graue Himmel riss auf und ein riesiger Blitz aus
gleißendem Licht schlug nicht weit entfernt von dem Schwarzen mit einem
Donnerschlag in den Boden, dessen Schallwellen einen normalen Menschen
kilometerweit weggeschleudert hätte.
Nur der Schwarze schien davon nicht beeindruckt zu sein. Es war nicht das erste
mal, das er dieses Phänomen erlebte. Er
hatte es selbst schon ausprobiert, auf diese Art und Weise in
Erscheinung zu treten. Er stand immer noch da, wo er schon vorher gestanden hatte,
nur hatte sich jetzt die Welt vor ihm verändert. Nichts war mehr von der
endlosen Weite der Landschaft zu sehen. Vielmehr stand er jetzt vor einer
schwarzen Wand, die weder rechts, noch links, noch nach innen ein Ende zu
besitzen schien. Nichts war in der Wand zu sehen. Plötzlich schoss ein unsichtbarer,
mentaler Strahl konzentrierten Gedanken aus der schwarzen Wand. Der Schwarze
verspürte einen auch für ihn heftigen Schlag unter seiner Kapuze direkt in
seinem Schädel.


„ Eine kleine Demonstration der Macht,
Wanderer der Zeiten.“


Der Schwarze spürte die grollenden
Worte in seinem Schädel. Niemand, auch nicht im Reich der mächtigen Dämonen,
hätte sich gewagt, so mit ihm zu reden, es wäre sofort sein Ende gewesen. Doch
hier musste sich selbst der Schwarze zurückhalten, wenn er nicht vernichtet werden
wollte.


„Was willst du?“ Der Schwarze formte
diese Worte in seinen Gedanken, obwohl er genau wusste, warum dieses Urwesen
ihn hierher befohlen hatte.


„Einer der Wächter hat seine Aufgabe
nicht erfüllt.“


„Ich weiß, er hat die Seiten
gewechselt.“


„Warum hast du das nicht verhindert?“


„Er ist mächtig....“


„Mächtiger wie du ?“ Die Gewalt, mit
der diese Frage gestellt wurde, hätte den Schwarzen fast zu Boden geschmettert.
Nur mühsam konnte er sich aufrecht halten.


„Natürlich nicht. Aber er kennt die
Gesetze, denen auch ich mich beugen
muss. Gesetze, die ihr mir auferlegt habt.“


„Wage es nicht , über uns zu richten,
Wanderer. Geh und suche einen neuen Wächter für die Welt der Menschen. Und
wähle diesmal sorgfältig. Er muss stark im Körper und im Willen sein. Und er
muss das Gute im Herzen führen. Wähle
gut, dein Sein hängt von deiner Wahl
ab.


Und nun geh, die Zeichen des Umbruchs
werden immer Stärker. Unsere Feinde werden bald wieder erwachen, und dann
brauchen die Menschen einen starken Wächter.“


„Ich weiß, Gebieter, ich weiß.......“








*




Als ich die riesige Halle betrat, spürte ich es sofort. Hier konnte man das
Adrenalin förmlich riechen. Das lag wohl daran, das schon einige Kämpfe
gelaufen waren. Da mein erster Kampf erst für 15.00 Uhr angesetzt war, aber
sinnloser Weise alle Kämpfer meiner Gruppe schon um acht zum Wiegen mussten,
hatte ich mich entschlossen, noch ein, zwei Stündchen im Auto zu schlafen und
mich dann langsam auf das Turnier vorzubereiten. Es war zwar ****kalt, aber
mit einer vernünftigen Decke und vor allem mit meiner Standheizung ging das
astrein. Fast wäre das zu einer ganz dummen Idee geworden, denn wenn mir nicht
so ein Idiot mit voller Wucht auf die Motorhaube geschlagen hätte, wäre ich
wohl immer noch am schlafen und hätte wohl das
Turnier verpennt. Es ging zwar
um nichts, aber ab und zu brauchte ich den Kampf, einfach, um zu wissen ob ich
noch gut war oder nicht. Und hier hatte ich ein paar echt starke Leute zu
besiegen. Wie zum Beispiel den Sack, der mir auf die Motorhaube geschlagen hat.


„Komm raus alter,“ sagte er „ wir sind
gleich dran. Wär doch schade, wenn du nicht siehst, wie ich dir vom
Siegertreppchen zuwinke, nur weil du hie rumschwächelst.“


Ich stieg aus und lächelte ihn an.


„Dich pack ich doch mit zu’n Augen in die
Tasche. Hättest mich besser schlafen lassen sollen.“


„Na ja, wir werden sehen. Bis gleich.“
Er zwinkerte mir noch einmal zu und verschwand in Richtung Halle.


Nun ja, jetzt war ich ja wach und immerhin noch eine halbe Stunde,
um mich vorzubereiten.


Das war nicht gerade viel, also beließ
ich es dabei, mich einfach nur aufzuwärmen, zu dehnen und ein paar unbedeutende
Kombinationen durch zu probieren. Um etwa fünf vor drei kam mein Trainer zu mir. Nur um mir zu erzählen,
das sich mein erster Kampf um etwa eine Stunde verschieben würde. Na klasse.
Aber dafür hatte ich jetzt Zeit, mich auch „mental“ auf die vor mir liegenden
Kämpfe vorzubereiten. Jeder Kampfsportler hat da so sein eigenes Ding. Ich für
meinen Teil setzte mich immer irgendwo hin und dachte darüber nach, wie ich,
der kleine dicke Junge, den sie alle nur Rollmops nannten und der unbeweglicher
war als ein Stück Holz, vor zwanzig Jahren
zum Kampfsport kam.





*

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

2

14.12.2011, 01:39

Dortmund, 1980. Ich hatte gerade die
Grundschule hinter mich gebracht und befand mich seit einigen Monaten in den
Fängen einer erbarmungslosen Realschule. Das Leben war hier völlig anders.
Viele neue, vor allem ältere Schüler, die es sich nicht nehmen ließen, kleine
dicke Fünftklässler rum zu schubsen und zu schikanieren, wo sie nur konnten.
Natürlich habe ich mit meinen Eltern darüber gesprochen, was ich im nachhinein
besser gelassen hätte. Meine Mutter schickte mich jeden morgen mit einem so
sorgenvollen Gesicht zur Schule, das ich das Gefühl hatte, für sie sei es der
letzte Abschied. Mein Selbstwertgefühl wurde dadurch nicht gerade gesteigert
Und mein Vater meinte nur, ich solle mich mal zusammen reißen und mich wehren.
Augen zu und durch, wenn das Leben hart ist, musst du eben härter sein. Genau
das war schon immer seine Devise gewesen. Zu seiner Verteidigung muss ich
allerdings sagen, das er sonst ein guter, verständnisvoller Vater war. Er
konnte es nur nicht akzeptieren, das der Apfel mal weiter vom Stamm gefallen
war, als normal üblich. Außerdem, haben sie schon mal versucht, als zehnjähriger
gegen einen sechs Jahre älteren anzustinken?
Damals konnte ich es jedenfalls noch nicht. Also habe ich meine Schnauze
gehalten und alles in mich reingefressen. Ich glaubte, ich hätte die Geduld
solange zu warten, bis die fünf Jahre um waren. Weit gefehlt. Eines Tages bekam
ich mit, wie zwei Zehntklässler einen Jungen in meinem alter bedrohten. Ich
wollte eigentlich schon gehen, als ich sah, das es sich bei dem Jungen um einen
meiner wenigen Freunde auf der Schule handelte. Das konnte ich nun doch nicht
einfach so zulassen, und ob ich einmal mehr rumgeschubst wurde oder nicht, war
ja eigentlich auch egal. Doch bevor ich dazwischen ging, konnte ich hören,
worum es bei der ganzen Sache ging. Mein Freund sollte für die beiden
Halbstarken Drogen verkaufen. Es hörte sich so an, als wären die beiden wegen
genau dieser Sache von der Schule geflogen. Und dafür gaben sie meinem Kumpel
die Schuld. Das war mir alles ein bisschen zu heiß. Ich wollte mich umdrehen
und gehen, um einem Lehrer Bescheid zu geben, als die zwei mich bemerkten.
Jetzt war es für mich vorbei, dachte ich. Die würden mir die Augen so zu
kloppen, das ich drei Wochen nichts mehr sehen konnte. Und genau so kam es dann
auch. Doch diesmal wollte ich mich wehren. Ich wusste nicht wieso ich auf diese
dumme Idee gekommen bin, es war einfach so. Der erste Typ kam genau auf mich
zu. Er wollte mich gerade packen, als ich ausholte und mit all meiner Kraft die
geballte Faust in seine dumme, überrascht aussehende Visage schlug. Peng, das
hat gesessen. Für einen Moment stand alles in der näheren Umgebung still. Der
Typ, der mich packen wollte, hielt sich die Nase. In einem riesig großen
Schwall schoss das Blut zwischen seinen Fingern durch und bildete auf dem Boden
schon eine kleine Pfütze. Für wenige Sekunden fühlte ich mich als Held. Ich
wollte schon ausholen, und noch einmal zuschlagen, als ich einen fürchterlichen
Schlag von der Seite bekam. Der zweite Penner, dachte ich noch, du hast den
zweiten Penner vergessen. Dann wurde es ganz dunkel um mich herum und ich bekam
glücklicher Weise nicht mehr mit, wie mein angeblicher Freund weglief und mich
den beiden Brutalos hilflos überlies.


Drei Tage später wachte ich im
Krankenhaus wieder auf.....und wäre am liebsten sofort wieder eingeschlafen.
Ich glaube, damals gab es keine Stelle auf, in oder um meinen Körper herum, die
nicht weh tat. Zuerst sah ich die ganzen Schläuche, die alle aus meinem Armen
und meiner Nase heraustraten. Ich hätte am liebsten losgeschrieen und geheult,
doch irgendwie kam nur schmerzerfülltes stöhnen über meine Lippen. Plötzlich
spürte ich eine warme, vertraute Berührung auf einer wohl noch freien Stelle
auf meinem Arm. Meine Mutter saß neben meinem Bett und schaute mich mit ihren
von Tränen verquollenen Augen an. Schlagartig ging es mir wieder gut, zumindest
in meiner Seele. Dann gingen mir wieder die Lichter aus.


Als ich wieder aufwachte standen meine
Eltern vor meinem Bett. Ich konnte hören, wie sie sich im Flüsterton an meinem
Bett über irgend etwas stritten. Ich wollte mich bemerkbar machen, aber
irgendwie konnte ich meinen Mund nicht bewegen, was wohl an den ganzen Drähten
und dem Gestänge lag, das aus meinem Kiefer ragte. Er war wohl mehr als einmal
gebrochen. Trotzdem bekamen meine Eltern mit, das ich aufgewacht war. Sofort
hörten sie auf zu streiten.


„Hallo Mark, wie geht es dir.“ Was für
eine dumme Frage, die mein Vater mir da gestellt hatte. Wie sollte es mir schon
gehen.


„War
‘ne blöde Frage ,was?“ Damit hatte er die Sache genau auf den Punkt
getroffen.


„Wie lange bist du denn schon wach,
Junge?“


Ich versuchte mit den Schultern zu
zucken, was mir aber nicht so recht gelingen wollte. Immer noch taten mir alle
Knochen weh.


Was mein Vater an diesem Tag sonst
noch so sagte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, das ich in den darauffolgenden
Wochen mehr Geschenke bekam als in
meinem ganzen, bisherigen Leben.


Irgendwann ließen die Schmerzen nach,
die Schläuche kamen einer nach dem anderen raus und ich wurde entlassen. Fast
zwanzig Kilo hatte ich während meines Kurzurlaubs abgenommen. Kein Wunder, wenn
man bedenkt, das ich fast eineinhalb Monate lang nur Suppe und Pudding essen
konnte. Aber es sollte mir bald besser gehen. Sobald das Gestänge aus meinem
Mund raus war und ich wieder richtig essen konnte, würden meine Eltern mit mir
alles versäumte schon nachholen. Das endete damit, das wir uns zwei Wochen lang
nur noch von Mc Donald’s, Pommesbuden und Pizzerien ernährten. Solange dauerte
es nämlich, bis mir das ganze Zeug aus den Ohren wieder rauskam. Danach ging
irgendwie wieder alles seinen normalen Gang. Ich ging auch wieder zur Schule,
doch die beiden Schläger habe ich nie wieder gesehen. Die zwei wurden
verurteilt und in irgendeine JVA gesteckt. Damals wusste ich noch nicht, was
das war, sondern nur, das ich da nicht hinwollte. In meiner Klasse wurde ich
gefeiert wie ein Held. Bis zu jenem Tag hatte es sich kein Fünftklässler
gewagt, gegen die großen aufzumucken. Mit einem mal war ich etwas besonderes,
und ich muss sagen, es gefiel mir. Es sah echt so aus, als sollte dieser unglückliche
Tag mein ganzes Leben auf eine positive Art verändern. Sogar im Sport war ich
wesentlich besser dran. Durch die verlorenen Kilos konnte ich mich einfach
besser bewegen, was ich auch reichlich tat. Kurzum, alles war wieder gut.


Eines Tages, wir saßen gerade beim
Abendessen, erklärte mein Vater mir, das er mir in nächster Zeit einen alten
Freund von ihm vorstellen wollte. Damit konnte ich nun gar nichts anfangen.
Wieso sollte ich einen dreißig Jahre älteren Mann kennenlernen. Wahrscheinlich
nur, um noch mehr Geschichten über meinen Vater zu hören. Wie stark er doch
war, immer da, wenn es darum ging, irgendeinen Freund irgendwo rauszuboxen. Ein
Mann, der niemals weglief, seine Angelegenheiten immer selbst regelte und
niemals einen Kampf verlor.


Doch die Erklärung viel nicht so krass
aus, wie ich befürchtete.


„Der alte Armin leitet hier ein
alteingesessene Judo-Schule.“ sagte er.


„Und als ich damals so alt war wie du
heute, hat er mir beigebracht, wie man sich richtig verteidigt.“


Oje, dachte ich, dann muss der Typ ja
über sechzig sein.


„Und genau dasselbe soll er jetzt mit
dir tun.“ mehr sagte er zunächst nicht.


Ich schielte vorsichtig zu meiner
Mutter rüber. Normalerweise hätte sie jetzt ganz ruhig zu Essen aufgehört und
meinem Vater freundlich, aber mit einem so warnenden Unterton, dem sich niemand
zu widersetzen gewagt hätte, erklärt, das sie ihren Sohn niemals zu einem
Schläger ausbilden lassen würde. Sie hatte damals eine Heidenangst, das ich
genauso werden würde, wie mein Vater. Was wahrscheinlich bedeuten würde, das
ich noch bevor ich achtzehn wurde die eine oder andere JVA doch von innen
gesehen hätte.


Und ich selbst sah auch überhaupt
keinen Sinn darin, mir absichtlich weh tun zu lassen und auch noch Geld dafür
zu bezahlen. Aber diesmal war es anders. Meine Mutter schaute nur auf ihren
Teller und sagte überhaupt nichts. Meistens war es ja so, das mein Vater mit
seiner Meinung in eine Diskussionsrunde mit meiner Mutter ging, und mit ihrer
Meinung wieder heraus kam. Aber in diesem Fall hat er wohl ein eindringliches
Machtwort gesprochen, oder er hat meine Mutter echt überzeugt, was wesentlich
schlimmer für mich war. Dann hatte ich nämlich gar keine Chance, irgendwie aus
der Sache rauszukommen.


„Du brauchst deine Mutter nicht so
Hilfe suchend ansehen. Sie ist dieses mal mit mir einer Meinung“ sagte er,
nicht ohne einen siegesfreudigen Unterton in seiner Stimme.


„Du selbst hast sie davon überzeugt.
Ich brauchte gar nicht so viel zu reden. Ich hab ihr nur versprechen müssen,
das du nicht auf die schiefe Bahn kommst. Und das weiß ich schon zu
verhindern.“


„Werd’ ich vielleicht auch mal
gefragt, ob ich das überhaupt will?“


„Nein, keine Diskussion“ Ich zuckte
zusammen, so verwirrt war ich. Denn diese Antwort kam von meiner jegliche Art
von Gewalt verabscheuenden Mutter.


Von da an wusste ich, die Sache war
besiegelt. Ich konnte jetzt jede Woche für irgendeinen Kämpfer den Punchingball
spielen.


„Keine Angst.“ sagte mein Vater „Sieh
es dir erst mal an, mach ein paar mal mit und wenn es dir wirklich nicht
gefällt, dann überlegen wir uns was anderes.“


Gut, ein Hoffnungsschimmer. Ich
brauchte also nur in ein, zwei Wochen zu sagen, das mir das nicht gefällt und
ich war raus. Doch dazu sollte es niemals kommen.


„Und wenn du das nächste mal einem
Freund aus der Patsche helfen willst, kannst du dich wenigstens sinnvoll
verteidigen.“


Zack. Das saß. So hatte ich die Sache
noch nie gesehen. Was mit mir geschah, war mir relativ egal, aber eigentlich
konnte ich wirklich noch zusehen, wenn ein Freund von mir bedroht wurde. Und
ein bisschen Kämpfen können konnte in so einem Fall wirklich nicht so schlecht
sein. Ich glaube, der Satz meines Vaters hatte mich damals schon überzeugt,
obwohl ich noch so meine Zweifel hatte.


Ich ging also zum Training. Und es war
völlig anders, als ich es erwartet hatte. Schnell hatte ich ein paar Freunde
gefunden, sogar unter den älteren. Auch mein Vater fing wieder an zu
trainieren, und man konnte sehen, das er wirklich zu den Besten gehörte. Immer
noch, obwohl er schon wesentlich älter war und sich das eine oder andere
Wehwehchen einstellte. Und somit hatte ich mein erstes Vorbild.


Und so trainierte ich immer weiter,
immer härter, ich wollte so werden wie mein alter Herr. Irgendwann reichte mir
Judo allein nicht mehr und ich suchte mir noch andere Trainingsmöglichkeiten.
Tja, und heute trage ich Schwarze Gürtel in mehreren Kampfsportarten, unter
anderem im Tae-Kwon-Do. Somit wären wir wieder bei dem Turnier. Ich öffnete die
Augen. Ich fühlte mich jetzt richtig gut. Ready to win, sozusagen. Ich musste mich fertig machen, weil ich
in fünf Minuten dran war. Ich schickte noch ein Stoßgebet zu meinem Vater und
machte mich fertig. Übrigens, das einzige mal, das ich ein Gefängnis von innen
gesehen habe, war ein Schulbesuch im Polizeimuseum.


*

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

3

14.12.2011, 01:44

Es ging los. Tae-Kwon-Do, Vollkontakt.
Da heute ungewöhnlich viele Kämpfer in meiner Gruppe waren, dauerte es fast
zwei Stunden, bis ich im Finale stand. Die meisten Gegner waren doch nicht so
gut wie ich erst dachte. Ich hatte alle bisherigen Kämpfe relativ klar gewonnen.
Einmal wäre ich fast disqualifiziert worden, weil ich einen Gegner mit einem
Wurf zu Boden gebracht hatte, was in dieser Sportart regelwidrig war. Das
passiert schon mal, wenn man mehrere Kampfsportarten gleichzeitig betrieb. In
der Hitze des Gefechts schmeißt man schon mal die Regeln durcheinander. Aber
ich hatte Glück und durfte weiter kämpfen.


Jetzt stand ich im Finale gegen Sven,
der Typ, der mir auf die Motorhaube gekloppt hat. Ich kämpfte nicht das erste
mal gegen ihn. Der Typ war schweinegut. Es war heute so etwas wie ein
Entscheidungskampf zwischen uns. Ich hatte gegen ihn genauso oft gewonnen, wie
er gegen mich. Es würde also spannend werden, und wahrscheinlich auch hart.


Es ging los. Erst vor dem
Kampfrichtern verbeugen, dann voreinander und dann gab der Oberkampfrichter den
Befehl zu m Kampf. Doch bevor wir loslegten, gaben wir uns erst mal die Hand.
Das hatte sich bei uns so eingebürgert, und da wir uns schon ein paar Jahre
kannten, wussten wir , das der andere sich daraus niemals einen Vorteil
rausschlagen würde. Ein Ehrencodex, sozusagen.


Aber jetzt ging es wirklich los. Wie
zwei Gazellen tänzelten wir umeinander herum, wenn der Vergleich bei über
achtzig Kilo schweren Jungs erlaubt ist. Immer auf dem Sprung aber trotzdem
abwartend, was der andere gerade vorhat.


Er versuchte plötzlich einen Vorstoß.
Nichts wildes, er wollte nur testen, wie ich darauf reagiere. Das konnte ich
auch. Genau wie ich, hatte auch er keine Probleme, meinem geraden Fußstoß
auszuweichen. Aber ich wusste nun, nach welcher Seite er auswich. Ich versuchte
es noch einmal. Diesmal ging ich allerdings nicht gerade nach vorne, sondern
etwas zu der Seite, nach der er sich wieder verdrücken wollte. Blitzschnell
stieß ich mich mit meinem Standbein ab und verpasste ihm einen gesprungenen
Halbkreisdrehtritt, in den er zu seinem Unglück auch noch genau reinrannte. Das
hat voll gesessen. Mein Fuß traf ihn genau an der Schläfe, die zwar von einem
Kopfschutz geschützt wurde, aber der konnte auch nicht die gesamte Wucht des
Treffers bremsen. Sven ging erst einmal in die Knie. Voller Wirkungstreffer,
voller Punkt. Aber ich durfte jetzt nicht die Konzentration verlieren. Ich
wusste, das Sven immer erst ein oder zwei Treffer einstecken musste, bevor er
aufdrehte. Er stand auch schon wieder auf den Beinen und fing an zu tänzeln.
Und ich hatte ihn wütend gemacht. Er kam plötzlich mit einer Geschwindigkeit
auf mich zugeschossen, die ich nach einem solchen Treffer nicht erwartet hätte.
Ein absolut durchtrainierter Typ. Halbkreis, Halbkreis und danach sofort ein
gedrehter Hackenschlag zum Kopf. Aber ich war ja auch nicht so weit gekommen,
weil die anderen mich alle so gut leiden konnten. Die ersten Beiden Tritte
tropften mehr oder weniger an meinen Blöcken ab. Unter dem letzten allerdings
konnte ich gerade soeben noch drunterweg tauchen. Damit hatte er wohl auch
nicht gerechnet, denn er hatte alles, was er an Schnelligkeit und Kraft zu
bieten hatte, in diesen Tritt gelegt. Jetzt stand er mehr oder weniger offen
vor mir. Beim abtauchen hatte ich mein linkes Bein etwas weiter zurückgestellt,
so das ich jetzt seitlich zu meinem Gegner stand. Mit links drückte ich mich
hoch, und mit rechts verpasste ich ihm einen gewaltigen Fußkantenseitwärtsstoß,
den er aber gerade noch abblocken konnte. Allerdings stand er jetzt oben völlig
offen. Ich zog das Bein wieder zurück um es im selben Moment wieder nach vorn
schießen zu lassen. Diesmal direkt zum Kopf. Und ich traf. Er nahm den Tritt
voll mit seinem Kinn. Der Kopf flog nach hinten und er gleich hinterher. Ziemlich
unsanft landete er auf dem Rücken, stand aber sofort wieder auf. Ihr könnt mir
glauben, das hätte nach einem solchen Treffer wirklich nicht jeder getan.
Trotzdem brauchte er jetzt erste mal eine Auszeit. Wahrscheinlich hatte er sich
dabei auf die Zunge oder die Lippe gebissen. Das Blut lief ihm an den
Mundwinkeln herunter. Nichts wildes, und sein Coach hatte jetzt zwei Minuten
Zeit, um die Blutung wieder zu stoppen. Wegen so was würde niemand den Kampf
abbrechen. Das gehörte eben dazu. Und ich hatte meinen zweiten Punkt. Sauber.


Die Verletzung war schnell versorgt
und es ging weiter. Die Schnelligkeit und die härte blieben jetzt auf diesem
echt hohen Niveau, doch keiner von uns konnte in dieser Runde noch einen Punkt
für sich verbuchen. Ich traf ihn zwar noch einmal am Kopf, doch im selben
Moment verpasste er mir einen derart harten Tritt in die Magengrube, das mir
erst einmal die Luft wegblieb. Irgendwann trennte uns der Kampfrichter, genauer
gesagt nach drei Minuten Kampf. Eine Minute Pause. Die brauchte ich auch. Den
fiesen Bauchtreffer hatte ich die ganze Zeit mit mir rumgeschleppt. Die Pause
war vorbei. Es ging wieder los. Sven kam sofort mit einem Schmetterling, wie
ich es immer nannte. Eine Kombination von mehreren, schnell hintereinander
ausgeführten Wirbeltritten. Schwer genug dem auszuweichen, ohne die Arena zu
verlassen, aber den Abschluss, den er hinlegte, war einmalig. Nach der letzten
Wirbeltechnik sprang er wieder hoch, doch diesmal drehte er sich in die andere
Richtung. Das konnte echt nicht jeder, mich eingeschlossen. Deswegen hatte ich
dem auch wohl nichts entgegen zu setzten. Ich bekam den absolut korrekt
ausgeführten Halbkreistritt voll hinters rechte Ohr. Ich dachte, mir würde der
Schädel von den Schultern fliegen. Und damit nicht genug. Ich hatte noch mit
einer kleinen Orientierungsschwäche zu kämpfen, als er noch einmal nachsetzte.
Ich bekam seinen Fußkantenseitwärtsstoß direkt auf den Solar Plexus.


So hart, das ich über die
Begrenzungslinie flog. Und zwar soweit, das ich in die nächste Arena flog. Als
ich aufstand, sah ich in zwei total verdutzte Gesichter. Die Kämpfer machten
gerade den dritten Platz unter sich aus. So was erlebt man echt selten. Zur
Entschuldigung verbeugte ich mich vor ihnen und wankte zurück auf meine
Kampffläche. Das war echt hart gewesen. Mein ganzer Vorsprung war dahin.
Zunichte gemacht in einer einzigen Aktion. Aber was soll’s. Ich wusste, das
dass hier kein Kindergeburtstag war. Ich musste mich nur zusammen reißen unter
weiterkämpfen. Haha. Wieder ging es hin und her. Meistens trafen wir uns
gleichzeitig, was keinem von uns nach vorne brachte. Mein Trainer rief mir
andauernd die wildesten Kombinationen zu, aber ich war dafür kaum noch
aufnahmefähig. Ich konzentrierte mich nur noch auf meinen Gegner. Und ich verließ
mich auf mein Zeitgefühl. Es konnte sich nur noch um etwa eine halbe Minute
handeln. Sven kam wieder mit einer Kombination von drei Tritten, die aber alle
an meinen Blöcken verpufften. Der Kampf war auch an ihm nicht spurlos vorüber
gegangen. Meine Luft war nach der ersten harten Attacke sowieso nicht richtig
wiedergekehrt. Das ich eigentlich astrein hätte kontern können, sah ich
deswegen viel zu spät. Und zu allem Überfluss trennte uns der Kampfrichter
schon wieder. **** Zeitgefühl. Unentschieden. Das heißt, das der Kämpfer, der
am aktivsten war, also mehr nach vorne gegangen ist, als der andere, zum Sieger
erklärt wurde. Aus diesem Grund entbrannte am Kampfrichter Tisch eine heiße
Diskussion. Sie konnten sich wohl nicht entscheiden, wer von uns aktiver war.
Der Kampfrichter kam zurück und teilte uns das Ergebnis der Diskussion mit. Da
wir beide gleiche Punktzahl hatten und beide gleichermaßen aktiv waren, musste
einer weitere Runde gekämpft werden. Und das war das, was ich mir am wenigsten
gewünscht hatte. Noch einmal volle drei Minuten mit diesem Gegner im selben
Ring. Also wer heute gewinnt, der hat echt was getan.


Wir bekamen noch eine extra Minute und
dann......Angrüßen und los. Super.


Die Luft war raus, bei mir wie bei
ihm. Das sah man dem Kampfgeschehen auch an. Keine großartigen Kombinationen
mehr, keine schnellen Attacken, nur noch darauf warten, das der andere
irgendeinen Fehler machte. Diesen Kampf gewann der Mann mit den besseren
nerven, das war mal sicher. Und ich wartete. Ab und zu trat ich mal auf meinen
Gegner ein, aber nur, damit ich nicht wegen Inaktivität verwarnet wurde. Denn
das würde meinem Gegenüber einen sauberen Punkt einbringen. Sven tat genau
dasselbe. Und dann tat er etwas, das ich nicht verstehen konnte. Aber das
Geschenk nahm ich gerne an. Er verlor wohl die nerven, denn er machte aus dem
Stand einen gewaltigen Satz auf mich und wollte mir einen Tritt unters Kinn
verpassen. Doch durch die Entfernung ging das zu langsam. Ich hatte genug Zeit
zu reagieren. Ich sprang etwas versetzt auf ihn zu und trat ihn meinerseits
halbkreismäßig mitten ins Gesicht, bevor er noch den Boden berührt hatte. Er
landete wieder auf dem Rücken. Hey, und hatte wieder einen Punkt
Vorsprung. Und den konnte ich bis zum
Ende des danach unspektakulär verlaufenden Kampfes halten. Als ich dann zum
Sieger erklärt wurde und wir uns beide umarmten, sagte er nur;: „Sag Danke
Sven“


Und das tat ich dann auch. „ Danke
Sven.“


*

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

4

14.12.2011, 01:45

Carmen stand auf dem Dach des
zehnstöckigen Wohnhauses. Sie hatte sich ihre dicke Winterjacke übergeworfen,
doch die Kälte und der dazugehörige Wind ließen trotzdem ihren Körper vor Kälte
zittern. „Das ist gleich auch alles vorbei, ich werde nie wieder zittern. Weder
vor Kälte, noch vor Angst.“ Bei diesen Gedanken vergaß sie die sibirische
Temperatur um sich. Sie war gerade mal zwanzig, und stand hier auf dem
Hochhaus, um gleich in die Tiefe zu springen.


Wieder standen ihr die Tränen in den
Augen. So hatte sie sich ihr Leben echt nicht vorgestellt. Sie hatte immer von
einer glücklichen Familie geträumt, so wie früher, als ihr Vater noch lebte.
Wie ein warmer, salziger Fluss brachen nun die Tränen über ihr Gesicht, das sie
jetzt in ihren Händen vergrub. Längst hatte sie sich vor den Dachsims gekniet,
auf dem sie jetzt mit ihrem von den Händen verdecktem Gesicht lag. Sie weinte, und ihre Gedanken trugen
sie weit weg. In eine Zeit, in der sie noch glücklich war, in der ihr Vater
noch lebte und ihre Zukunft noch voller rosa Wolken hing.


Ihr Vater starb an Krebs, als sie acht
Jahre alt war. Bis dahin hatte sie eine wirklich glückliche Kindheit. Sie lebte
mit ihren Eltern in einem großen Haus, das ihr Vater selbst gebaut hatte. Sie
hatte alle freiheiten, die ein kleines Mädchen so braucht, aber vor allem
fühlte sie sich dort geliebt und geborgen. Über Geld brauchten sich ihre Eltern
auch keine Gedanken zu machen. Ihr Vater verdiente genug davon, und so bekam
sie alles, was sie sich wünschte. Sie brauchte nur ihren süßen
Ich-will-das-haben Blick aufzusetzen, dem ihr Vater nie widerstehen konnte. Doch
auf einmal war er nicht mehr da. Von seiner Krankheit hat sie nur wenig
mitbekommen, und so war sie völlig unvorbereitet als ihre Mutter ihr erklärte,
das Papa in den Himmel gefahren ist und nie wieder zurück kommen würde. Das
Leben ging für sie und ihre Mutter jedoch weiter. Von dem Erbe ihres Vaters
konnten die zwei recht gut leben, doch ihre Mutter war sehr einsam. Es fehlte
ein Mann an ihrer Seite. Sie war zwar sehr hübsch, aber sie konnte keinen
vernünftigen finden. Sie hing immer noch zu sehr an ihrem verstorbenen Mann.


Etwa zwei Jahre dauerte es, bis
sie Karl kennen lernte. Er war
Handelsvertreter und klopfte eines Tages an ihre Haustür. Carmen konnte ihn von
Anfang an nicht leiden, dafür gefiel er ihrer Mutter um so besser. Sie fingen
an sich öfter zu treffen und eines Tages zog er bei ihnen ein. Er gab seinen
Job auf und fing an, das Erbe ihres Vaters zu verprassen, doch ihrer Mutter war
das egal. Sie hatte sich sowieso schon von ihrer Tochter distanziert. Es
schien, als wäre sie ihm hörig. Egal was vorgefallen war, sie stand immer nur
auf seiner Seite. Carmen wurde fünfzehn und die Natur hat es echt gut mit ihr
gemeint. Sie war zu jungen, hübschen Frau herangereift, nach der sich die Jungs
jetzt schon die Finger leckten. An einem schönen Tag stand sie unter der
Dusche, als Karl plötzlich das Bad betrat. Das hatte er schon öfter getan, und
sie beschlich dabei jedes Mal ein unbehagliches Gefühl. Doch diesmal verschwand
er nicht wieder, nachdem er ihren Körper bewundert hatte und dabei so tat, als
suchte er irgendwas. Nein, diesmal blieb er. Und er starrte sie eine ganze
weile an.


„So muss deine Mutter früher
ausgesehen haben.“ sagte er, und sie konnte seine Erregung deutlich sehen.
Aufgeklärt genug war sie ja schon. Viel Worte machte er danach nicht mehr. Erst
als alles vorbei war und sie anfing, sich den ganzen Ekel und das Blut vom
Körper zu waschen, sagte er: “Wenn du davon einen Ton zu deiner Mutter sagst,
bring ich euch beide um. Ach Egal, sie wird dir sowieso nicht glauben.“ Er
lachte und verschwand. Und er hatte recht. Ihre Mutter glaubte ihr kein Wort.
Die nächsten drei Jahre waren für Carmen die reinste Hölle. Immer wieder musste
sie sich ihm hingeben und er wurde dabei immer brutaler. Mit achtzehn
schließlich hielt sie es dann nicht mehr aus. Ihrer Mutter schien sie völlig
egal zu sein. Von ihr hörte man immer nur, Karl hier, Karl da. Sie lief von zu
Hause weg und lebte ein paar Monate auf der Strasse. Dann traf sie auf Kai. Ein
junger Mann, groß, gut gebaut, immer ein strahlendes lächeln auf den Lippen und
immer braungebrannt. Und er zeigte Interesse an ihr. Sie zog bei ihm ein und
dachte, sie hätte die große Liebe gefunden. Doch es dauerte nicht lange, da
zeigte Kai sein wahres Gesicht. Er zwang sie, mit anderen Männern zu schlafen
und wenn sie nicht wollte, dann gab es eben Schläge. Zwei Jahre hatte sie das
mitgemacht, dann ist sie abgehauen. Aber Kai hatte sie wiedergefunden und sie
erst einmal zusammengeschlagen. Er hatte sie in seiner Wohnung eingesperrt.


Vor einer halben Stunde hat sie mit
einer Axt die Wohnungstür zertrümmert und war aufs Dach geflüchtet. Dort fasste
sie den Entschluss, einfach zu springen und ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Doch sie fand nicht mehr die Kraft, aufzustehen, und so blieb sie in der
eisigen Kälte einfach liegen.



*

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

5

14.12.2011, 01:46

Das Turnier war vorbei, mir taten alle
Knochen weh und auf meinem Beifahrersitz thronte ein achtzig Zentimeter hoher
Pokal. Der Tag war super gelaufen und so tat ich das, was ich seit ein paar
Jahren nach jedem Kampf tat. Ich besuchte das Grab meines Vaters. Mit meiner
Siegestrophäe stand ich davor. ich glaube, er wäre heute wieder sehr stolz auf
mich gewesen. Mit einem Gebet bedankte ich mich bei ihm für alles, was er für
mich getan hatte. Doch hier wurde ich auch immer wieder daran erinnert, das es
immer einen gab, der besser war. Egal wie gut man ist. Mein Vater starb bei
einem Autounfall. Plötzlich und unerwartet. Nach zwei Wochen auf der
Intensivstation ist er seinen Verletzungen erlegen. Seinen letzten Kampf hatte
er verloren. Seit diesem Tag hatte ich eine riesen Angst vor dem Tod, denn der
hatte meinen Vater, mein großes Vorbild besiegt. Ich hatte immer ein ungutes
Gefühl, wenn ich den Friedhof betrat und ich blieb auch niemals zu lange. Doch
ohne meine Erfolge meinem Vater ans Grab zu tragen, hätten sie mir selbst auch
nichts bedeutet. Danach fuhr ich nach Hause.


Den Sonntag verbrachte ich
größtenteils im Bett. Draußen war es bitterkalt und ich spürte jede Stelle
meines Körpers. Mit bewegen war da nicht so viel.


Montag morgen. Sechs Uhr. Der Wecker
kannte kein erbarmen. Ich überlegte einen kurzen Moment, ob ich mich fit genug
für die Arbeit fühlte. Nein, aber egal. Was sein muss, muss eben sein. Ich
stand auf und machte mich fertig. Duschen war sinnlos, denn nach einer Stunde
auf der Baustelle würde ich bei diesem Wetter sowieso wie ein Schwein aussehen.
Schnell was Essen und dann los. Der Verkehr auf der Autobahn war mal wieder
umwerfend. Ich fuhr zwar auf der zweiten Spur, aber vorwärts kam ich trotzdem
nicht so richtig. Im Radio wurde irgendwas von einem Geisterfahrer erzählt,
doch das einzige was mich interessierte war die Tatsache, das dafür ein super
Lied unterbrochen wurde. Ich traute meinen Augen kaum, als auf einmal alle auf
die rechte Spur wollten. Gut für mich, denn so konnte ich endlich mal ein
bisschen Gas machen. Ich beschleunigte den Wagen und hinter mir begann ein
wildes Lichthupenkonzert. Ich fragte mich noch wieso, als die Antwort auch
schon in Form eines mit zweihundert Sachen heranpreschenden Porsches kam. Das
war also der Geisterfahrer. Schon komisch, was einem in so einem Moment durch
den Kopf geht. Bevor es noch richtig krachte, konnte ich für einen kurzen
Moment den Fahrer des Porsche erkennen, was mich dann auch an meinem Verstand
zweifeln ließ. Es war wie in Zeitlupe.


Und hinter dem Lenkrad des Porsche
konnte ich nur eine riesige schwarze Kapuze sehen, aus der mich zwei
rotglühende Augen anstarrten. Dann kam der große Bums und es wurde dunkel für
mich. Kein Leben-an-den-Augen-vorbeiziehen und so weiter, keine Schmerzen,
einfach nur dunkel.


*


Carmen wachte auf. Sie wusste erst
nicht, wo sie war. Sie wusste nur, das sie nicht mehr auf dem Dach lag. Sie lag
in einem Bett, das ihr etwas zu klein war. Sie merkte, wie ihre Füße über das
Bettende herausragten. Das Bett stand in einem geräumigen Zimmer. An der Wand
hingen Poster von den Simple Minds. Ohne sich weiter umzuschauen, streckte sie
ihre Hand nach hinten über das Bett hinaus. Sie konnte einen Tisch ertasten und
sie wusste auch, das es ein alter Ikea-Schreibtisch war. Dann setzte sie sich
hin und glaubte, sie würde träumen. Sie befand sich in ihrem alten
Kinderzimmer. Irgendwie mussten ihre Mutter und ihr Karl sie auf dem dach
gefunden haben. Es würde sie auch nicht wundern, wenn Kai und Karl unten am
Tisch zusammen sitzen und Carmens weitere Zukunft planen würden. Und wie die
dann aussah, konnte sie sich gut vorstellen. Darauf hatte sie überhaupt keine
Lust. Sie stand auf und ging zum Fenster. Nebenbei bemerkte sie, das sie immer
noch ihre dicke Winterjacke trug und darunter nur ihr Nachthemd. Sie musste
sich gleich erst einmal umziehen. Sie sah aus dem Fenster. Die Welt da draußen
war in schummriges Licht getaucht. Zwar hell, aber trotzdem düster. Schnee war
keiner zu sehen. Überhaupt kam es ihr doch sehr warm vor. Leise öffnete sie das
Fenster. Es brauchte keiner zu erfahren, das sie schon aufgewacht war. Ein
Schwall warmer Luft drang von außen in das Zimmer. Eine wärme, die man vom
Sommer erwartet, aber nicht vom Winter. Eine unnatürliche wärme. Sie ging zu
ihrem alten Kleiderschrank und fand dort tatsächlich noch alles so vor, wie sie
es damals verlassen hatte. Die Sachen waren zwar alle aus der Mode gekommen,
aber sie passten ihr zum Glück noch. Und das war das einzige, was sie
interessierte. Nachdem sie sich umgezogen hatte, griff sie sich noch eine
leichte Jacke und öffnete leise die Zimmertür. Sie lauschte, doch weder von
dieser Etage, noch von unten war irgendetwas zu hören. Überhaupt hatte sie das
Gefühl, völlig allein in diesem Haus zu sein. Sie fasste allen mut zusammen und
öffnete jede Tür in diesem Stockwerk ohne jemandem zu begegnen. Unten war es
genau dasselbe. Sie wusste absolut nicht, was hier vor sich ging und bekam es
so langsam mit der Angst zu tun. Was, wenn sie auf einmal der einzige Mensch
auf der Welt war. Sie konnte sich nicht vorstellen, was schlimmer war. Das
hier, oder ein Leben lang unter Kais Fuchtel zu stehen. Sie hätte beides nicht
ertragen können. Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Sie kannte es. Früher, als
ihr Vater noch lebte, rannte sie immer voll freudiger Erwartung zur Tür. Denn
das Geräusch eines ruhig laufenden Motors, das zufallen einer Autotür
bedeuteten immer, das er von einem langen Arbeitstag endlich nach Hause kam und
sich erst einmal seiner Tochter widmen würde. Auch diesmal lief sie zur Tür.
Vorsichtig, nicht wissend, was sie draußen erwarten würde. Deshalb riss sie die
Tür auch nicht auf, sondern sah erst einmal durch das kleine Fenster. Sie bekam
einen Schreck. Sie kannte den Wagen. Ein silbergrauer Audi TT und die zwei
Männer, die gerade ausstiegen. Kai und Karl. Jetzt bekam sie es echt mit der
Angst zu tun. Ausgerechnet die zwei Menschen, die sie am meisten hasste, und
vor denen sie mit abstand die größte Angst hatte. Sie konnte sich vorstellen,
das sie ein zusammentreffen mit den beiden nicht überleben würde. Sie zog sich
wieder zurück. Dabei dachte sie nicht mehr and den alten Schirmständer, der an
der Wand rechts neben der Tür stand. Es gab kein lautes Poltern, aber in einer
Welt, in der alles ruhig ist, hört man selbst das kleinste Geräusch meilenweit.
Und so war es dann auch.


„Du hattest recht man, die kleine
Schlampe ist da drin.“


„Na dann mal los, die holen wir uns.“


Kaum waren die Worte verklungen, brach
auch schon die Tür auf. Die beiden machten sich nicht einmal die mühe einen
Schlüssel zu benutzen. Kai stand in der Tür und wurde fast von Karl umgerannt.


Das war für Carmen das Startsignal.
Sie sprang auf und rannte die Treppe wieder rauf.


„Ja. Lauf ruhig weg. Ich krieg dich
doch du Flittchen.“ rief Karl ihr hinterher.


„Ich werd's dir erst mal wieder
besorgen, und dann mach ich dich kalt. Vielleicht mach ich auch beides
gleichzeitig.“ entsprang es seinem kranken Hals. Kai konnte darüber nur lachen,
als ob er einen echt guten Witz gehört hatte.


„Und ich wird dich danach in Stücke
schneiden und auffressen.“


Die beiden waren also einer Meinung.
Sie sollte hier und heute auf bestialische Weise ihr leben verlieren. Sie
wollte zwar gestern noch vom Dach springen, aber den beiden wollte sie nicht in
die Hände fallen. Sie rannte in ihr altes Zimmer. Die beiden waren gerade auf
der Treppe. Das Fenster stand immer noch auf. Sie sah kurz raus. Es war nicht
gerade sehr hoch, das kann man schaffen, dachte sie. Und sie sprang raus. Sie
landete in dem großen Garten, der sich unter ihrem Zimmer ausbreitete. Der
weiche Rasen federte ihren Fall auch noch ab, so das ihr nichts passierte. Ohne
weiter zu überlegen, rannte sie nach vorne, wo es zur Strasse ging. So bekam
sie nicht mit, wie Kai und Karl praktisch gleichzeitig hinter ihr her wollten
und sich dabei nur gegenseitig behinderten. Was damit endete, das beide
Kopfüber und in Begleitung des zerbrechenden Fensters den Weg nach unten
fanden. Das verschaffte Carmen wieder etwas Zeit. Sie rannte zur Strasse,
vorbei an dem Audi, dessen Türen immer noch offen standen. Es war nur so eine
Idee, aber sie schaute beim rennen in den Wagen hinein und sah, das der
Schlüssel noch steckte. Das war die beste Chance, möglichst schnell möglichst
weit wegzukommen.


*

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

6

14.12.2011, 01:48

Schweißgebadet wachte ich auf. Wow,
war das ein Traum. Meistens vergisst man solche Träume ja, wenn man aufgewacht
ist. Aber diesmal konnte ich mich an jede Einzelheit erinnern. Besonders an die
schwarze Kapuze mit den roten Augen. Ich bekam jetzt noch das große Zittern,
wenn ich daran dachte. So stellte ich mir den Tod vor. Ich war wohl doch etwas
zu lange auf dem Friedhof geblieben. Mann, dieser Traum war an Realität wohl
nicht mehr zu überbieten. Ich blieb noch eine weile liegen, um mich wieder zu
beruhigen. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt, also konnte es auch noch
nicht so spät sein. Als sich mein Herzschlag wieder etwas beruhigt hatte, stand
ich trotzdem auf. Ich konnte einfach nicht mehr liegen bleiben. Ein Blick auf
die Uhr sagte mir.........nichts. S cheiße, es muss die Nacht über wohl einen
Stromausfall gegeben haben, denn wo normalerweise die Uhrzeit hellgrün
leuchtete war alles schwarz. Ich ging erst mal in die Küche, und da wurde es
dann ganz komisch. Normalerweise hing über der Küchentür eine Uhr mit Zeiger. Doch
irgendwas hatte die Mit-Zeiger-Uhr zu einer Ohne-Zeiger-Uhr gemacht. Ich dachte
ich träume . Die verdammte Uhr hatte einfach keine Zeiger mehr. Ich nahm die
Uhr von der Wand und untersuchte sie Sorgfältig. Fehlanzeige. Die Zeiger waren
nicht einfach nur runtergefallen oder so,. Nein, die waren echt verschwunden.
Das konnte ich mir absolut nicht erklären. Wie kann denn einfach so ein Zeiger
aus einer geschlossenen Uhr verschwinden. So langsam bemerkte ich auch, das es
draußen schon Taghell war. Das hieß, das ich ganz gewaltig verschlafen hatte.
Daran war jetzt nun mal nichts mehr zu ändern. Das einzige was ich jetzt noch
tun konnte, war Schadensbegrenzung. Ich nahm das Telefon und wollte meinen Chef
anrufen, der wohl nicht sehr begeistert sein würde. War schließlich schon das
dritte mal diesen Monat. Doch auch hier kam ich nicht weiter. Das Telefon gab
keinen Ton von sich. Der Tag fing ja echt gut an. Ich überlegte echt, ob ich
nicht wieder ins Bett gehen sollte, um es dann morgen früh noch einmal zu versuchen.
Vielleicht waren dann die blöden Zeiger auch wieder da. Aber das konnte ich mir
nun wirklich nicht leisten. Schließlich war ich auf den Job angewiesen, und in
der heutigen Zeit konnte jeder froh sein, wenn er Arbeit hatte. Also zog ich
mich an, packte mich in meine dicke Winterjacke und verlies das Haus. Es traf
mich wie ein Schlag. Ich dachte, ich wäre verrückt geworden oder so. Draußen
war es sommerlich warm, und das mitten im Winter. Kein Lüftchen wehte, kein
Straßenlärm drang an meine Ohren. Das war echt zuviel für mich. Auf dem Absatz
machte ich kehrt und ging zurück ins Bett. Das war wohl das einzig richtige,
was ich heute tun konnte. Aber ich fand kaum schlaf. Ich schätze, eine halbe
Stunde hatte ich gedöst und dabei von verschwundenen Uhrzeigern und roten Augen
geträumt. Das hatte doch alles keinen Sinn, oder war ich vielleicht tot? War
der Autounfall vielleicht doch kein Traum? Oder träumte ich immer noch und war
nicht in der Lage, irgendwie aufzuwachen. Vielleicht war auch nur die Pizza von
gestern Abend schlecht gewesen. Die hat ja schließlich schon ne Woche im
Kühlschrank gelegen.


Fuck, es nützte alles nix. Ich musste
rauskriegen, was hier loswar. Und das schaffte ich nicht vom Bett aus. Ich
sprang erst mal unter die Dusche und zog mich zum zweiten mal heute an. Die
Zeiger waren immer noch verschwunden und ein Blick nach draußen sagte mir, das
ich die Winterjacke ruhig zu Hause lassen konnte. WAS WAR HIER EIGENTLICH LOS
!!!! Auf dem Weg zum Auto überlegte ich ernsthaft, ob es irgendwelche Fälle von
geistiger Umnachtung in meiner Familie gegeben hat, aber mir fiel nichts
derartiges ein. Oder ich hatte in meiner langjährigen Kämpferlaufbahn doch
einen zuviel auf die Birne gekriegt. Aber ich hoffte, so was würde sich früh
genug ankündigen. Ich stieg erst mal in meinen BMW und fuhr einfach drauflos.
Kreuz und Quer durch die völlig überfüllte Stadt. HA! Schön wär’s gewesen,
heute jedenfalls. Aber nix . Kein Auto fuhr auf den Strassen, kein Mensch war
weit und breit zu sehen. Das gab’s doch gar nicht. Aus lauter Verzweiflung
machte ich mich auf den Weg zu meiner Baustelle. Auch auf der
Autobahn..........keine Bewegung. Meinen Arbeitsplatz hatte ich auch noch nie
so gesehen. Alles ruhig, keiner am schreien, keiner am wuseln.....keiner da.
Ich fuhr wieder nach Hause. Keine Ahnung, was ich da wollte, aber mir viel
nichts besseres ein. Ich fuhr also auf der Autobahn zurück, als mir der
silberne Audi auffiel, der wie wild in die Richtung raste, aus der ich gerade
gekommen war. Sofort trat ich auf die Bremse, um sofort wieder Gas zu geben.
Wie konnte ich nur auf der Autobahn eine Vollbremsung hinlegen. Wenn mir jetzt
einer reingebrettert wäre.................? Ja, wer eigentlich. Außer dem
Audifahrer und mir war ja wahrscheinlich keiner mehr auf diesem Planeten. Ich
bremste also wieder und drehte um. Mitten auf der Autobahn. Wenn ich den Audi
noch einholen wollte, konnte ich nicht noch auf die nächste Ausfahrt warten.
Ich spielte also jetzt selbst den Geisterfahrer und gab Stoff. Mit
zweihundertachtzig Sachen auf der falschen Seite der Autobahn. Ich wusste
nicht, was verrückter war. Das Wetter oder meine Aktion hier. Aber ich hatte
Erfolg. Nach etwa einer Viertelstunde hatte ich den Audi eingeholt. Ein Blick
auf die andere Seite zeigte mir, das der Fahrer eigentlich eine sehr hübsche
Fahrerin war, wenn mich der kurze blick nicht täuschte. Das erste positive, das
mir heute passierte. Auch sie schaute jetzt zu mir herüber und ich konnte
sehen, wie sie einen gewaltigen Schreck bekam.(Shit, so schlecht sah ich nun auch
wieder nicht aus). Ich deutete ihr an, stehen zu bleiben. Nach einem kurzen
Moment nickte sie und bremste ihren Wagen langsam ab. Dasselbe tat ich auch.
Nachdem wir beide standen und ich ausgestiegen war, sprang ich über die
Leiteplanke und ging zu ihr hinüber. Aber nicht, ohne vorher einen sinnlosen
Blick über die Strasse gemacht zu haben. Ich wollte mich vergewissern, das auch
wirklich kein Auto kam. Nein, wir beide waren und blieben die einzigen.


„Hallo“ sagte ich und schaute in ein
völlig verwirrtes, aber dennoch echt hübsches Gesicht. „Ich bin Mark Pasko und
außerdem echt froh, heute noch einen anderen Menschen zu sehen, außer mich
selbst im Spiegel.“


„Ganz schön eitel, was“ Sie schien
ihre Fassung wieder bekommen und gemerkt zu haben, das von mir wohl nicht die
große Gefahr ausgehen würde. Sonst hätte sie mir wahrscheinlich nicht so einen
Spruch reingewürgt.


„ Entschuldigung,“ fuhr sie fort „ ich
bin Carmen Winterfeld und habe heute doch schon etwas mehr erlebt.“ Das hielt
ich allerdings für ein Gerücht. Wir unterhielten uns. Nach etwa einer halben
Stunde, wenn mein Zeitgefühl mich nicht täuschte, hatten wir uns gegenseitig
unsere Geschichten erzählt und ich musste ihr recht geben. Vom Freund und vom
Stiefvater gleichzeitig verfolgt zu werden, war schon ein starkes Stück.


„Ich denke das beste wird sein, wenn
wir dann zusammen bleiben.“ sagte ich.


Sie fragte, ob sie mir denn überhaupt
trauen könnte, was ich mit einem lächeln beantwortete. „Das musst du schon
selbst wissen. Jedenfalls will ich dich nicht töten. Ich bin ja froh, das ich
doch nicht ganz allein bin. Oder hast du vielleicht die selbe Krankheit wie ich
und wir sind beide verrückt.“


„Glaub ich nicht. Dann hätten die
beiden Wichser es ja auch, und ich denke, das sich kein Virus an so schmierigen
Typen die Hände schmutzig machen würde.“


Ha, mit der Frau könnt ich warm werden
dachte ich.

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

7

14.12.2011, 01:56

„Und wie geht’s jetzt weiter?“


„Keine Ahnung. Ich würde sagen, wir
fahren erst einmal mit meinem Wagen weiter. Den suchen deine beiden Supermänner
mit Sicherheit nicht.“


„O.K.“ sagte sie und ich hatte das
Gefühl, das sie so allmählich ihre ganz coole Ader wieder ablegte. Mir kam auf
einmal eine Idee. Was wenn es noch mehr Menschen gäbe, die hier total verwirrt
durch die Gegend liefen. Von wo aus könnte man die wohl am besten ausmachen?
Richtig, vom höchsten Punkt der Stadt. Und da fiel mir eigentlich nur der
Fernsehturm ein. Carmen war von meinem Vorschlag nicht sehr begeistert. Sie
wollte nicht wieder zurück.


„Können wir nicht erst mal in eine
andere Stadt fahren?“


„Hey, überleg doch mal. Wenn ich dich
verfolgen würde, würde ich mir erst mal ein Auto besorgen und alle Autobahnen
absuchen, die aus der Stadt rausführen. Wenn die dann deinen Wagen sehen,
werden sie wahrscheinlich geradeaus weiterfahren, um dich zu erwischen. Ich
glaub, in Dortmund bist du erst mal relativ sicher. Außerdem bin ich ja auch
noch da.“ Das schien wohl kein großer Trost für sie sein. Und das meine
Erklärung total aus der Luft gegriffen war, das wusste ich selber. Aber ich
wollte unbedingt zum Fernsehturm. Sie sagte nichts weiter und schloss sich mir
an. An meiner Seite gefiel es ihr wohl doch besser, als den beiden noch mal
allein zu begegnen. Vorher besorgte ich mir noch zwei Ferngläser in einem
Jäger-Shop. Ich brauchte noch nicht einmal die Tür aufbrechen. Sie war nicht
verschlossen. Danach ging’s ab zum Westfalenpark, wo der Fernsehturm steht.
Auch hier waren alle Türen auf. Sogar die Aufzüge funktionierten. Wär echt blöd
gewesen, wenn nicht. Oben angekommen, fing ich sofort an, die weite Landschaft
unter uns zu beobachten. Carmen hatte noch mit den Einstellungsmöglichkeiten
ihres Fernglases zu kämpfen und so sah ich es als erster.


„Äh, du wolltest doch in eine andere
Stadt?“


„Ja, wieso?


„In welche?“ fragte ich und gab ihr
mein Fernglas. ich nahm ihres.


Sie schaute sich um.


„Ach du s cheiße.“


Sagte sie und sprach damit genau das
aus, was ich ebenfalls dachte. Es sah nämlich so aus, als wäre ganz Dortmund
von Bergen umgeben. Oder besser gesagt, als hätte man die Stadt in ein riesiges
Plateau eingegraben, denn auf den doch ziemlich abgeflachten Bergen wuchsen
riesige Urwälder. Da gab es zumindest mit dem Auto kein weiter kommen. Des
weiteren war die Idee mit dem Fernsehturm ein Schuss in den Ofen. Nicht die
kleinste Bewegung konnten wir von hier oben ausmachen. Wir waren schon auf dem
Weg zurück zum Auto, als ich am Eingang zum Park eine Bewegung sah.


„Warte mal“ sagte ich zu Carmen und
blickte durch mein Fernglas. Aber ich konnte nichts mehr sehen. Hatte ich mir
die Bewegung etwa nur eingebildet. Ich glaube nicht. Auf meine Augen konnte ich
mich normalerweise Verlassen. Und auf meine Instinkte auch. Und die sagten mir,
das wir nicht mehr alleine waren.


„Was ist“ fragte sie.


„Ich dachte, ich hätte da was gesehen.
Wenn deine beiden Freunde wirklich so gefährlich sind, sollten wir jetzt
vorsichtig sein.“


Das hätte ich lieber nicht sagen
sollen. Es war, als hätte ich irgendeine Barriere bei ihr durchbrochen. Sie
schrie mich plötzlich wie eine Irre an.


„DAS SIND NICHT MEINE FREUNDE. DER
EINE HAT MICH JAHRELANG VERGEWALTIGT UND DER ANDERE HAT MICH AUF DEN STRICH
GESCHICKT, DU A*****!!!“


Oh Ooooh. Davon hatte ich allerdings
nichts gewusst.


„Schhhhhht. Kannst du mich nicht etwas
leiser anschreien?“


Aber sie hörte mich jetzt wohl nicht.
Sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und angefangen zu Weinen. „Wir müssen
jetzt schnell hier weg. Komm schon“


„Was haltet ihr davon, wenn ihr uns
mitnehmt. Acht Augen sehen mehr als vier!“


*


„Nee lass mal, der Wagen ist voll“ Um
dumme Ausreden war ich ja nie verlegen.


„Ein echt witziger Wichser steht da
vor uns, Kalle“


Ich beschloss für mich selbst, Kalle
erst mal in ruhe zu lassen und den anderen, der Kai heißen musste als ersten
die Augen zu zukloppen.


„Ja, Kai, da hat unser Flittchen ja
nicht lang gebraucht, um sich nen neuen Stecher an Land zu ziehen, was?“


O.K. also doch beide gleichzeitig.


Carmen saß immer noch auf dem Stein,
dessen Farbe sich jetzt auch über ihr Gesicht auszubreiten schien.


„Was wollt ihr eigentlich von ihr. Wir
sollten lieber rausfinden, was hier vor sich geht.“


„Ich kann dir genau sagen, was hier
vorgeht.“ grinste Kai mich an und zog ein dickes Überlebensmesser hinter seinem
Rücken hervor. “Wir beide haben das Gefühl, das wir heute noch knietief im
Schlampenblut waten müssen.“


Jetzt bekam ich ein ganz ungutes
Gefühl. Die beiden wollten ernst machen, daran bestand für mich kein Zweifel
mehr. Zweifelhaft war mir nur, ob und vor allem wie ich das verhindern konnte.
Waffen hatte ich mir natürlich keine besorgt, was im nachhinein ganz schön blöd
war. Na ja, hinterher ist man immer schlauer.


Ich sah Carmen an. Wie versteinert saß
sie, unfähig sich zu rühren. Ich deutete ihr mit den Augen an, das sie
verschwinden sollte, aber entweder konnte oder wollte sie mich nicht verstehen.
Mein Blick ging wieder zu den beiden Wichtigtuern.


„Ist das nicht ein bisschen unfair?
Ihr seit zu zweit und ich hab noch nicht mal eine Waffe.“


„Ich fang gleich an zu weinen, du
A***“ sagte Kai und kam langsam auf mich zu.


Mit der gleichen Geschwindigkeit wich
ich zurück.


„Heeey, warte mal“ gab ich völlig überrascht tuend von mir „ ich bin ja
selber eine“. Und im selben Moment sprang ich auch schon nach vorn. Kai sah
mich ziemlich verdutzt an, weiter kam er auch nicht. Ich hatte seine Messerhand
gepackt und gleichzeitig meinen rechten Fuß vor sein Knie gedrückt. Etwas
fester natürlich. Das knacken in seinem Bein musste bei der Stille hier
meilenweit zu hören gewesen sein. Wenigstens solange, bis es von seinem
gewaltigen Schmerzensschrei übertönt wurde. Mit einem einfachen Kipphandhebel
konnte ich ihn dann auch noch entwaffnen. Dumm war nur, das sein Handgelenk
dabei auch seinen Geist aufgab, was man allerdings nicht hören konnte, weil der
immer noch wie am Spieß schrie. War halt ein echt harter Junge. Das ganze
geschah im Bruchteil einer Sekunde und vor allen Dingen viel zu schnell für
Kalle. Bevor er noch irgendwie reagieren konnte war ich bei ihm und gab ihm
eine Rechts-Links-Kombination direkt auf die Augen. Danach noch einen
Schub-Kick auf den Solar Plexus, sodass er vor schmerz gekrümmt drei Meter
weiter liegen blieb. Die Jungs hatten ja echt was drauf. Von Kai war nichts
mehr zu befürchten, er schrie und schrie. So wartete ich, bis sich Kalle wieder
ein wenig erholt hatte und ging dann ganz gemächlich zu ihm rüber. „Oh S cheiße“
sagte er gequält und ich fühlte mich schon geschmeichelt, bis ich merkte, das
er an mir vorbeisah. Carmen, dachte ich nur und mir fiel auf, das der plötzlich
Typ nicht mehr schrie. Kalle war mir jetzt egal. Ich drehte mich einfach um,
und das Bild, das sich mir bot, passte eher in einen Horrorfilm als in die
Realität. Carmen war aus ihrer Apathie erwacht, hatte sich das Messer
geschnappt und angefangen, den Typ zu sezieren.

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

8

14.12.2011, 01:57

Das Blut spritzte überall hin. Das
meiste jedoch bekam sie selber ab, aber das störte sie überhaupt nicht. Es lief
ihr übers Gesicht, tropfte von ihren Händen und ihr Shirt war auch schon völlig
durchnässt, doch sie konnte einfach nicht aufhören. Kai war jetzt nur noch
Gulasch und sie stach immer noch zu. Dieser Anblick hatte mich so geschockt,
das ich erst gar nicht reagieren konnte. So was sah ich schließlich auch zum
ersten mal. Ich riss mich zusammen und sprach sie mit ruhigen Worten an. Sie
anzufassen war mir im Moment viel zu gefährlich. Ich hatte mal gehört, das die
unscheinbarsten Menschen bei solchen Anfällen Bärenkräfte entfalten können.


Ich blickte über die Schulter und
stellte fest, das Kalle das weite gesucht hatte. Er wollte wohl nicht so enden
wie sein Kumpel. Konnte ich verstehen.


„Ganz ruhig, Carmen“ Ich sprach mit
leiser, eindringlicher Stimme.


„Du kannst aufhören. Der Typ ist tot.
Der kann dir nichts mehr tun.“


Sie sah mich. Langsam kam wieder
Gefühl in ihre Augen, aber sie stach trotzdem wieder zu.


„..C.a.r.m.e.n..“


Wieder sah sie mich an. Diesmal
erkannte sie mich sogar. Sie bemerkte nun wohl auch das ganze Blut an ihrem
Körper, denn sie warf mit einem Schreckensschrei das Messer weg und fing an zu
heulen und zu schluchzen. Jetzt wurde ihr bewusst, was sie getan hatte und sie
sackte einfach in sich zusammen, heulte und blieb liegen. Ich setzte mich zu
Carmen und nahm sie erst einmal in den Arm. Ich glaube das konnte ich jetzt
gefahrlos tun und das sie das jetzt einfach brauchte. Sie krallte sich an
meiner Schulter fest und heulte wild drauflos. Ich fand keine Worte, um sie zu
trösten und ich denke, jedes noch so sorgfältig gewählte Wort wäre einfach fehl
am Platz gewesen. Ich ließ sie weinen, das befreit die Seele.


Doch was sich neben uns abspielte,
ließ mich wieder mal an meinem Verstand zweifeln. Das wurde langsam zur Gewohnheit.
Der tote Kai lag zwar noch neben uns, aber er löste sich langsam auf. Nicht so,
als hätte man ihn mit Salzsäure überschüttet. Nein, er verschwand einfach, er
wurde immer durchsichtiger, bis er irgendwann ganz verschwunden war. Auch die
Blutlache war weg, soweit sie mit seinem Körper in Berührung war. Das Messer
und das Blut an Carmen war aber immer noch da. Behutsam setzte ich Carmen
wieder auf den Stein, ich wollte mir die Stelle etwas genauer anschauen. Aber
da war nichts mehr von Kai zu sehen. Ich hob das Messer auf. Es war zwar völlig
blutverschmiert, aber immerhin besser als nichts. Ich wollte es gerade
einstecken, als Carmen sagte,: “Lass es bitte liegen.“


„Und wenn dein Stiefvater wieder
zurückkommt? Ich brauch was, womit ich uns verteidigen kann.“


„Bitte!“ sagte sie nur und sah mich
mit einem Blick an, mit dem sie mich auch hätte bitten können, von einer Brücke
zu springen. Ich hätte es wahrscheinlich getan. Also ließ ich das Messer
liegen, legte ihren Arm um meine Schulter und führte sie zurück zum Auto. Da
wir mittlerweile beide völlig blutverschmiert waren, hielt ich es für das
beste, erst mal irgendwo zu Duschen und neue Klamotten zu besorgen. Wir fuhren
zurück zur Stadt. Carmen sagte eine ganze weile lang nichts, sie weinte nur.
Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte sie „Hältst du mich jetzt für ein
Monster?


„Ich weiß nicht.“ gab ich ehrlich zu.


„Hast du jetzt Angst vor mir?“


„Weiß ich auch noch nicht. Muss ich
das denn?“


„Nein. ......... Ich weiß selbst
nicht, was da mit mir passiert ist. Ich hatte einen totalen Black Out. Ich
hatte auf einmal alles vor Augen, was der mir angetan hat, und dann lag da auf
einmal das Messer........“


Sie fing wieder an zu weinen. Ich
wusste selbst nicht, was ich in ihrer Situation getan hätte, aber ich wollte es
auch nicht gut heißen. Allerdings wollten die beiden sie tatsächlich umbringen.
Ich hatte mehr Verständnis für sie, als mir leib war. Trotzdem ließ ich sie den
Rest der Fahrt in ruhe.


*


Ich fuhr erst mal in die
Fußgängerzone. Über irgendwelche Tickets oder Abschleppwagen brauchte ich mir
wohl keine Gedanken zu machen. Wir gingen dann in einem großen Kaufhaus erst
mal auf die Toilette, um uns schon mal den gröbsten Dreck von den Händen zu
waschen. Danach schlenderten wir durch die Abteilungen und suchten uns die
passenden Klamotten zurecht. Ich packte alles in eine große Tüte und wir
verschwanden wieder. Eigentlich wollte ich ja zu mir fahren. Duschen und so,
als mir mal wieder eine Idee kam.


„Was hältst du davon, wenn wir einfach
mal irgendwo anschellen?“


„Scheint eine gute Idee zu sein“. Sie
schien sich wieder gefangen zu haben. Sie sprach ruhig mit mir und weinte auch
nicht mehr. Wo wir gerade waren, hielt ich an. Ich stieg aus und probierte es
einfach. Ich schellte überall, aber niemand machte mir auf. War auch nicht
nötig, denn alle Türen waren auf. Zurück im Wagen fragte ich Carmen, wie es
weiter gehen sollte. Ich hatte zwar schon eine Vorstellung, aber ich wollte sie
nicht übergehen.


„Sag du es mir, ich hab keine Ahnung.“


„O.K. Ich würde gern mal zu den Bergen
fahren und sehen, was dahinter liegt. Ich glaub, hier kommen wir nicht mehr
weiter.“


Ich sagte ihr nicht, das mich
irgendetwas an den Bergen magisch anzog. Das Gefühl hatte ich schon auf dem
Fernsehturm.


„Mit dir geh ich überall hin“ sagte
sie.


„Oh, hast du deine Meinung über mich
geändert?


Sie nahm meine Hand. „Ich hatte nie
eine Meinung über dich. Aber ich mittlerweile der Meinung, das der sicherste
Platz für mich direkt an deiner Seite ist.“


„Gut“ sagte ich und drückte ihre Hand
noch ein wenig fester. „Aber erwarte nicht zuviel von mir. Ich bin kein
Supermann und für mich ist das alles auch neu hier.“


„Hauptsache, du lässt mich nicht
allein.“


„Keine Angst, wir packen das
schon............irgendwie jedenfalls.“


Wir waren uns einig, nicht zu mir zu
fahren, sondern uns in irgendeiner der offenstehenden Wohnungen zu Duschen, was
wir dann auch taten. Wir benutzten beide dasselbe Bad zur gleichen Zeit, was
allerdings nicht meine Idee war. Carmen wollte unter keinen Umständen alleine
bleiben. Da zog sie sich lieber vor mir aus. Sie hatte einen wunderschönen
Körper. Ich bin zwar kein Kostverächter, aber mir schwirrten im Moment so viele
Gedanken durch den Kopf, das ich das gar nicht richtig wahr nahm. Wär in meiner
Wohnung vielleicht anders gewesen, also gut, das wir hier waren. Die blut
durchtränkten Sachen ließen wir einfach liegen und wollten schon gehen. Im
Hausflur viel mir etwas auf, was im normalen Leben nicht so sonderbar gewesen
wäre. In dieser Welt allerdings schon. Eine der Wohnungstüren, an denen wir
vorbeikamen, war verschlossen. Wir waren schon dran vorbei und auf der Treppe,
als ich plötzlich stehen blieb. Carmen hätte mich fast umgerannt. „Was ist“
fragte sie nur. „ Ich weiß nicht, die Tür ist zu.“


„Na und ?“


„Alle anderen sind auf.“


„Willst du nachsehen?“


Ich nickte nur und drückte mich an ihr
vorbei. Ich berührte die Wohnungstür und versuchte sie aufzudrücken. Sie war
tatsächlich abgeschlossen. Ich brachte mein Ohr so nahe wie möglich an die Tür
und lauschte. Und womit ich nie gerechnet hätte trat ein. Aus der Wohnung
konnte ich ein leises Schluchzen hören. Ich klopfte an die Tür und rief
„Hallo...... ist da jemand drin?“


Wieder lauschte ich. Das schluchzen
hatte aufgehört. “Haaaaalllloooooo!!!“


rief ich noch einmal.


Jetzt konnte ich langsame Schritte
hören. “Walter, bist du das. Bist du endlich gekommen um mich abzuholen? Warte,
ich bin gleich da, ne alte Frau ist schließlich kein D-Zug.“


Die Tür ging auf und wir standen vor
einer etwa sechzig Jahre alten Frau.


Sie starrte uns aus ungläubigen Augen
an.


„Na klasse,“ sagte sie „da wartet man
sein Leben lang darauf, das man von seinen Liebsten empfangen wird, und der
liebe Herrgott schickt einem dann zwei Kinder.“


Jetzt waren wir es, die sie völlig
ungläubig ansahen.


„Moment mal,“ erwiderte ich „ich bin
schließlich auch schon dreißig“. Richtig, dachte ich, und du benimmst dich
gerade wirklich wie ein kleines Kind. Selbst Carmen konnte sich ein lächeln
nicht verkneifen.


„Na kommt erst mal rein Kinder“ sagte
die alte Dame „Übrigens, so alt war ich schon, als du geboren wurdest, mein
Junge“


Na ja, dachte ich. Wenigstens ist sie
nicht senil oder fängt an, mir über den Kopf zu streicheln.


„Wer ist eigentlich Walter?“ fragte
ich.


„Walter ist mein Mann, mein Junge.
Aber ich würde sagen, wir stellen uns erst mal vor. Ich heiße Martha, und ihr?“


Auch wir stellten uns jetzt mit Namen
vor. Nachdem das geschehen und das Händeschütteln vorbei war, fragte ich sie,
„Sie warten also auf ihren Mann, wie lange ist er denn schon weg?“


„Oh, Walter ist schon vor über zehn
Jahren von mir gegangen, mein Junge.“


Irgendwie konnte das nerven.


„Ich will sie ja nicht...“


„...du...“ viel sie mir ins Wort.


„O.K. Ich will dich ja nicht
entmutigen, aber ich glaube nicht, das Walter heute noch kommt. Wir sind schon
eine Weile unterwegs und sie sollten wissen, das da draußen keine Menschen mehr
sind.“


„Ich weiß, aber er hat es mir am
Sterbebett versprochen.“


Ich schluckte.


„.....WO ?“


„Am Sterbebett, mein Junge. Keine Angst, hat er gesagt, wenn es bei dir
soweit ist, werde ich dich abholen. Und gestern Abend war es dann soweit.“

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

9

14.12.2011, 01:59

Carmen schaltete sich ein.


„Was war gestern soweit?“


„Ich bin gestorben“ sagte sie ruhig „
Herzanfall. Ich hab es zwar noch zum Telefon geschafft, aber ich schätze, ich
konnte nicht mehr Wählen. Jedenfalls bin ich heute morgen hier aufgewacht und
seitdem warte ich auf meinen Mann.“


Das war ja ein starkes Stück, aber
wenn man genauer drüber nachdachte, war es die logischste Erklärung, die man
sich einfallen lassen konnte. Ich mit meinem total realistischen Traum von
meinem Autounfall, Carmen, die mitten im Winter auf einem Dach eingeschlafen
ist und jetzt erzählte Martha uns, sie hätte einen Herzanfall gehabt. Aber
diese Erklärung wollte mir nicht gefallen. Ich wollte nicht tot sein, ich konnte
es einfach nicht. Carmen schien meine Gedanken zu teilen. Sie sah mich mit
einem ängstlichen Blick an.


„Klingt irgendwie logisch, oder?“
fragte ich sie, nur um ganz sicher zu gehen.


Sie nickte nur ganz langsam. Gevatter
Tod hat uns geholt. Der einzige, vor dem ich echt wahnsinnige Angst hatte. Ich
konnte und wollte es einfach nicht glauben. Dafür fühlte ich mich viel zu
lebendig.


„Nein Martha,“ sagte ich und mir viel
auf, das sich meine Stimme leicht verändert hatte. Sie vibrierte förmlich und
der Angstschweiß stand mir auf der Stirn.“ das kann einfach nicht sein.“


Carmen musste das leichte Zittern
meines Körpers bemerkt haben, denn jetzt war sie es, die beruhigend ihren Arm
um mich legte.


„Was ist denn mit dir los?“ fragte sie
mich.


„Vor nicht einmal zwei Stunden hast du
mit zwei bewaffneten Männern gekämpft, ohne auch nur den Anflug von
Unsicherheit zu zeigen, und jetzt fängst du an zu zittern, nur weil dir jemand
sagt, du bist tot?“


„Tja,“ mischte sich Martha ein, „die
einen haben halt Angst vor Spinnen, so wie ich Zeit meines Lebens, und andere
fürchten sich eben vor dem Tod.“


„Kann ich irgendwie verstehen. Wenn
ich dich richtig einschätze, bist ein Kämpfer durch und durch. Und egal, was du
tust, gegen den Tod kannst du niemals gewinnen.“


Ich hatte mich wieder gefangen und
hörte einfach nicht darauf, wie die beiden mein Seelenleben durchforschten.
Carmen hatte nämlich etwas gesagt, was mich stutzig werden ließ.


„Wir sind nicht tot“ sagte ich mit
ruhiger und mittlerweile wieder fester Stimme.


Ich begann damit, Martha unseren
bisherigen Tagesablauf zu erklären. Alles, was ich nicht von Carmen wissen
konnte, brachte sie dann selber ein. Und am Ende erklärte ich, warum wir nicht
tot sein konnten.


„Wenn wir wirklich schon tot sind,
warum wollten die beiden dich dann töten, Carmen. Das macht doch überhaupt
keinen Sinn. Und was ist mit Kai? Eurer Logik zufolge, hätten die beiden ja
auch schon tot gewesen sein. Aber wie wir beide wissen hat er a) wie am Spieß
geschrieen, als ich ihm die Knochen gebrochen hab und b) hast du ihn erst
getötet und dann ist er verschwunden.“


Carmen traten wieder die tränen in die
Augen.


„Fang nicht wieder an zu weinen. Ich
glaube mittlerweile, das du genau das richtige getan hast.“


Ich wollte das nicht so krass sagen,
es kam einfach so rausgeschossen. Aber es schien zu helfen. Sie unterdrückte
ihre tränen und fragte mich, wieso.


„Ich kann dir das nicht erklären, weil
ich mir selbst noch nicht so sicher bin. Ich glaube, wir haben hier etwas zu
erledigen. Und da sind Kai und Karl ganz gewaltig mit von der Partie. Und es
würde mich auch nicht wundern, wenn wir heute noch wirklich auf Gevatter Tod
treffen würden.“


Ich hatte wohl etwas witziges gesagt,
denn alle beide schauten mich plötzlich mit einem Was-Redest-Du-Da Blick an,
der mich schon fast sauer machte.


„Ich kann euch nicht sagen, warum,
aber wir sind mit Sicherheit noch nicht tot. Und wir müssen unbedingt zu diesen
Bergen.“


„ Welche Berge ?“ Wollte Martha
wissen.


„Ach ja, das habe ich vorhin wohl
vergessen. Die Welt da draußen hat sich schwer verändert Martha. Ganz Dortmund
ist jetzt von einer Bergkette umgeben, auf der zu dem noch ein ganzer Urwald
wuchert. Und seit wir das auf dem Fernsehturm gesehen haben, habe ich das
Gefühl, das wir dahin müssen, um antworten zu finden.“


„ ja, ich auch“ sagte Carmen.


„O.K. dann lass uns mal losfahren. Was
ist mit dir Martha, kommst du mit?“


„Und ob. Wenn ich recht habe, dann
findet mich mein Walter, egal wo ich bin.


Aber wenn du recht behältst, dann will
ich verdammt noch mal dabei sein, wenn es wieder zurück ins Leben geht.“


Die Sache wär also erst mal geklärt.
Wir sind nicht tot, also ab zu den Bergen.


*


Wir fuhren alle drei nach Westen,
solange es die Straßenverhältnisse zuließen. Die änderten sich nämlich
gewaltig, sobald wir Dortmund verlassen hatten. Nach einer weile konnte man
nicht mal mehr von einer Strasse sprechen. Sie änderte sich zum Glück nicht
schlagartig, denn sonst hätte ich vielleicht noch einen Unfall gebaut. Nein,
sie bekam erst mehr und mehr Schlaglöcher, bei denen ich schon gar nicht mehr
versuchte auszuweichen. Es wurden mit der Zeit einfach zu viele. Irgendwann
wurde die Strasse von einem Feldweg abgelöst, der dann allerdings auch nach
einer weile verschwand. Im Moment fuhren wir über ziemlich steinige Wiesen, den
Vorläufern des Gebirges, auf das wir uns zu bewegten. Durch das Fernglas hat es
ganz nah ausgesehen, aber wir fuhren jetzt mittlerweile schon fast eineinhalb
Stunden. Geschätzt natürlich, denn auch die Uhr meines Wagens zeigte mir nichts
als ihr schwarzes Display.


Plötzlich sah ich eine Bewegung. Eine
Gestalt, die schnell versuchte, hinter einem Stein Deckung zu suchen. Auch
Carmen hatte sie bemerkt.


„Halt mal, da war was.“ sagte sie.


„Kann sein, das es Kalle war.“


„Nein, da bin ich mir absolut sicher.“


Na, wenn das so war, wollte ich ihrem
Wunsch natürlich entsprechen. Ich hielt an und stieg aus. Vorsichtig bewegte
ich mich auf das Stück Fels zu, hinter dem sich die Gestalt verkrochen hatte.
Wahrscheinlich hatte sie mehr Angst vor mir als ich vor ihr, aber sicher ist
sicher. Und es war gut so. Ich war schon nah genug an dem Felsen dran, das ich
einen Fuß der Person sehen konnte und ihr zurief, das sie keine Angst zu haben
brauchte, als ich über mir eine Bewegung wahrnahm und im selben Moment auch
schon das ausgestreckte Bein in meinem Gesicht spürte. Ich hatte es nur meinen
Reflexen zu verdanken, das mir nicht die Lichter ausgingen. Durch eine
blitzschnelle Drehung nahm ich dem Treffer einen grossteil seiner Kraft, und
durch einen Hechtsprung mit einer anschließenden Rolle vorwärts brachte ich
mich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Sofort drehte ich mich wieder in
Richtung Angreifer, oder besser gesagt, Angreiferin. Liefen hier eigentlich nur
Frauen rum? Diese jedenfalls schien etwas besonderes zu sein. Sie stand da in
einer abwartenden, langen Schrittstellung. Der rechte Arm mit einer zur Faust
geballten, zarten Hand zeigte wie ein Tiefblock nach unten. Der linke war
angewinkelt und nach hinten gezogen, die Faust zeigte nach oben. Eine Stellung,
die man oft in alten Kung-Fu Filmen sah. Doch sie selbst sah keineswegs
Asiatisch aus. Man konnte meinen, sie wär einem Märchen aus
Tausend-und-einer-Nacht entsprungen. Von der Kleidung her mit ihren weit
ausfallenden Seidenhosen bis hin zu ihrer schlanken Figur, der Milchkaffeebraunen
Hautfarbe und dem pechschwarzen, langen Haar. Sie war eine Schönheit, eine
echte Perle des Orients, doch ihre Augen störten mich doch ein wenig. Nicht das
sie nicht hübsch gewesen wären, allerdings leuchteten sie in einem hellen
silbergrau. So eine Augenfarbe hatte ich noch nie gesehen. Und sie musterten
mich von oben bis unten. Sie wartete, das ich irgendetwas tat.


„Mit der legst du dich besser nicht
an!“ ertönte eine Stimme hinter dem Fels.


Zum Glück endlich mal eine männliche.
Er trat aus seinem Versteck hervor und ich konnte sehen, das er wohl auch schon
heftige Bekanntschaft mit der schönen gemacht haben musste. Er hatte gleich
zwei Veilchen. Ich ließ die Frau nicht aus den Augen. Dafür bewegte sie ihre.
Sie beobachtete mich zwar immer noch argwöhnisch, aber ihr Blick viel auch hin
und wieder auf ihrem Begleiter. Sie traute niemandem. Sie bewegte sich.
Langsam, grazil, immer auf einen Angriff wartend. Sie suchte sich einen Platz,
von dem sie uns alle mit einem Blick im Visier hatte, doch ihr Hauptaugenmerk
galt immer noch mir. Sie ahnte wohl, das sie es mit mir nicht so einfach haben
würde. Ein Kämpfer weiß eben, wenn er einen Kämpfer vor sich hat. Ich stand
völlig entspannt da. Sie sollte das Gefühl kriegen, das ich nichts von ihr
wollte.


„Du heißt nicht zufällig Jeanny oder
Scheherazade oder so?“ Die Anspielung auf das Märchen von Tausend und einer
Nacht sollte eigentlich witzig klingen, doch die einzige Reaktion war, das sie
ihre Augen noch weiter zusammenkniff und mich mit ihrem Schlangenblick zu
durchbohren schien. Echt süß, aber auch echt gefährlich.


„O.K. Ich fang besser noch mal an.“
Vielleicht konnte man ja doch mit ihr reden.


„Ich heiße Mark und meine beiden
Begleiterinnen heißen Carmen und Martha. Wollt ihr uns nicht auch eure Namen
verraten? Wär doch ein guter Anfang, oder?“


„Ich bin Ron“ antwortete der
blauäugige.


Ich nahm seine Antwort zwar wahr, sie
war auch gespeichert, aber ich hielt immer noch dem Blick der Schönen stand.
Ich wollte ihren Namen hören.


„Irina.“ Kurz und knapp, dennoch mit
einer Engelsstimme gesprochen.


„Wir wollen euch nichts böses“ sagte
ich.


„Wir wissen auch nicht was hier läuft,
wir sind nur auf dem Weg zu diesen Bergen.“


„Da will ich auch hin.“ entgegnete mir
Irina. Ehrlich, eine Frau mit ihrem Aussehen und dieser Stimme sollte Popstar
werden, und kein Kämpferin. Und dazu wahrscheinlich auch noch eine gute. Meine
Backe tat mir zwar immer noch weh, doch ich war irgendwie fasziniert von ihr.


„Dann solltest du dich so langsam mal
entspannen und dich uns anschließen. Wir sind genauso verwirrt wie du.“


„Ich kenne euch aber nicht.“


Das wird schwerer, als ich dachte.


„Hör mal zu, wir kennen uns alle
nicht. Hier hat keiner den anderen jemals im Leben vorher gesehen. Aber wir
sind nun mal alle hier, und wenn ich richtig liege, wirst du von diesen Bergen
genauso angezogen, wie ich. Und je mehr wir sind, umso besser, denn hier laufen
noch einige Gestalten rum, die nicht so freundlich sind wie ich.“


Irina sagte nichts, sie sah mich nur
an. Dafür meldete sich Ron.


„Ich glaube, er hat recht. Auch du
kannst es nicht immer ohne Hilfe schaffen. Und zusammen steigen unsere
Überlebenschancen erheblich.“


„Nicht unbedingt.“ sagte Irina . „Aber
gut, ich werde hinter euch bleiben und euch im Auge behalten.“


„Irgendwie hatte ich gedacht, das wir
soweit mit dem Auto fahren sollten, wie wir können.“


„Dann fahrt doch, ich werde da
bestimmt nicht einsteigen.“


„Na gut,“ sagte ich „jedem das seine“

Pasko

Anfänger

  • »Pasko« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 18

  • Private Nachricht senden

10

14.12.2011, 02:00

So langsam wurde mir das echt zu bunt.
Ich wollte schon Ron einpacken und losfahren, als ich Marthas Hand auf meiner
Schulter spürte.


„Wenn das hier was werden soll,
sollten wir auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. Und außerdem kann die
alte Frau hier überhaupt nicht mehr sitzen, mein Junge.“


Ein Blick auf Carmen sagte mir, das
sie wohl ähnlich dachte.


„Also gut“ sagte ich und ging leicht
resignierend zum Kofferraum. Unter den achtsamen Blicken Irinas holte ich dort
einen Rucksack hervor, den wir uns unterwegs noch besorgt hatten. Darin
verstaut waren die Ferngläser und etwas zu Essen. Martha hatte darauf
bestanden, obwohl keiner von uns bisher großartig Hunger verspürte.


„Na dann mal los.“ sagte ich und ging
voran. Carmen folgte mir direkt und nahm meine Hand. Hinter uns ging Martha,
die sich gleich bei Ron einhakte. Er konnte sich jetzt allerlei
Lebensweisheiten von ihr anhören. Was mich allerdings störte war, das kein Satz
mit „mein Junge“ endete, das war wohl nur mir vorbehalten. Ein paar Meter
hinter ihnen schlich Irina. Dabei beobachtete sie nicht nur uns mit Argusaugen,
wie sie es versprochen hatte, sondern sie sondierte die ganze Gegend, als würde
sie hinter jedem Fels den nächsten Feind vermuten. Entweder war sie paranoid,
oder sie wusste mehr, als wir alle zusammen. Und so zogen wir hin zu den
Bergen.


*


Ich weiß nicht, wie lange wir schon
gelaufen waren. Ein kleiner, steiler Weg hat uns das Gebirge herauf geführt und
schlängelte sich jetzt durch das dichte grün dieses Urwalds. Wir sprachen nicht
viel, nur das nötigste. Wir mussten Luft sparen, da keiner wusste, wie lange
wir noch gingen und vor allem, was uns erwarten würde. Ich kam mit der
Situation noch ziemlich gut zurecht, weil ich körperlich total fit war. Irina
zeigte auch keinen Anflug von Schwäche. Sie hätte wahrscheinlich bis zum
nächsten morgen durchlaufen können, wenn es den überhaupt gab. Denn es war
immer noch genauso hell, wie vor unzähligen Stunden. Bei Carmen und Ron sah es
da schon anders aus. Sie bemühten sich zwar und ich war sicher, das zumindest
Carmen alles aus sich herausholen würde, was ging, bei Ron war ich mir da nicht
so sicher, aber beide wurden merklich langsamer. Martha allerdings machte mir
echt Sorgen. Sie viel immer weiter zurück und wurde zwischenzeitlich sogar von
Irina gestützt, was mich doch sehr wunderte. Sie wechselten sogar ein paar
Worte miteinander. Ich konnte jedoch nichts verstehen, da ich zu weit von ihnen
entfernt war. Ich ging jetzt etwas schneller, weil ich ein paar Meter vorne
etwas gesehen hatte. Eine Veränderung. Vor mir tat sich eine riesige Schlucht
auf. Mindestens zwanzig Meter breit und rechts und links kein Ende in Sicht.
Der Weg, dem wir seit ich weiß nicht wie vielen Stunden schon folgten, endete
direkt vor einer aus Lianen und Baumstämmen zusammengebastelten Brücke. Eine
echte Urwaldbrücke eben. Ich blieb davor stehen und wartete auf die anderen.
Carmen kam direkt zu mir und schaute sich die Sache ganz aus der Nähe an, Ron
hielt sich vornehm zurück. Martha stieß auch so langsam, und von Irina
gestützt, zu uns.


„Wir müssen darüber.“ meinte Irina.


Das erste mal, das sie mit mir sprach
und mich dabei nicht mit ihren silbernen Augen fixierte. Sie erkundete mit
ihrem Blick die andere Seite.


„Ja......Aber nicht jetzt.“ entgegnete
ich ihr, und ich sah sie dabei an.


„Wir sollten uns erst mal ein bisschen
ausruhen.“ Dabei viel mein Blick auf Martha.


„Ja ja, ist ja schon gut, mein Junge“
meinte sie nur, und ich konnte mich immer noch nicht daran gewöhnen. Warum
ausgerechnet ich.


„Ich denke das auch“ sagte Irina „aber
einer von uns beiden sollte immer ein Auge auf die Umgebung werfen.“


Verwundert schaute ich sie an.


„Oh, Vertrauen geschöpft?“


„Nein, die Notwendigkeit erkannt.“
sagte sie trocken, doch ich konnte ein Hauch von einem Lächeln um ihre Lippen
erkennen. Da soll doch mal einer die Frauen verstehen, ich jedenfalls nicht.


„Willst du zuerst?“ fragte ich sie und
sie nickte einfach. Sie machte wohl niemals viele Worte. Wir teilten den
anderen mit, das wir erst mal rast machen wollten, und das wir versuchen
sollten, ein wenig zu schlafen. Vorher aßen wir noch ein paar Äpfel und
Stullen, die Martha noch schnell geschmiert hatte, bevor wir losfuhren. „Man
weiß nie, wozu das gut ist, mein Junge“ hatte sie gesagt, und sie hatte recht
behalten. Der Magen hing uns schon allen auf den Schuhsohlen.


Nach diesem Festschmaus ging es uns
schon etwas besser. Nur Ron schien sich absolut nicht wohl zu fühlen. Auf meine
Frage nach seinem Befinden schüttelte er nur den Kopf. „Es ist nichts,“ sagte
er „ die Anstrengung. Eine Mütze voll schlaf, und ich bin wieder voll da.“ Er
versuchte sogar zu lächeln, was ihm nicht so recht gelingen wollte. Ich ließ
ihn in ruhe und versuchte selbst, ein bisschen schlaf zu finden. Martha und
Carmen hatten die Augen schon zu. Der Körper forderte halt sein recht. Nach
einem wie immer zu kurzen und zudem noch traumlosen Schlaf merkte ich eine
zarte Berührung an meiner Wange. Ich öffnete die Augen und wusste wieder genau,
wo ich war. In einem tiefen Wald mit Leuten, die ich bis vor wenigen Stunden
nicht gekannt hatte. Irina lächelte mich an. „Na, wieder unter den lebenden?“


„Nicht so ganz.“


„Kannst du trotzdem aufstehen, ich
bräuchte jetzt auch ein bisschen Schlaf.“


„Na klar“ sagte ich, „aber kannst du
mir vorher noch etwas erklären?“


„Was denn?


„Mich interessiert, was es mit deinen
Augen auf sich hat. Entschuldige, wenn ich dich so direkt danach frage, aber
die sind wirklich ungewöhnlich.“


„Nicht da, wo ich herkomme. Aber nicht
jetzt. Vielleicht erklär ich dir das später mal. Gute Nacht.“


Mit einem geheimnisvollen Lächeln auf
den Lippen drehte sie sich um und schlief ein. Die anderen schliefen auch noch
und so schaute ich mir die Gegend wieder mal genauer an. Ein paar Meter von
unserem Rastplatz entfernt stand ein Baum. Wie ungewöhnlich für einen Wald.
Aber dieser war wirklich etwas anders. Er überragte alle anderen um längen und
hatte so viele Äste, das man auf ihn aufsteigen konnte wie auf einer Treppe.
Mir kam die Idee, mir mit einem der Ferngläser einen Überblick von weit oben zu
verschaffen. Der Aufstieg war zwar etwas schwieriger, als ich gedacht hatte,
aber es ging. Nach ein paar Minuten saß ich auf dem höchsten Ast und hielt mich
am Baumstamm fest. Ich sah durch das Fernglas. Zuerst sah ich nur das grüne
Dach des Waldes. Es dauerte seine Zeit, bis ich den Weg ausfindig machte, den
wir beschritten. Er schlängelte sich durch das grün bis hin zu einem Plateau,
das hoch über die Bäume ragte. Da wollten wir also hin. Ich nahm mir das
Plateau genauer unter die Lupe. Kein Grashalm wuchs dort. Ich konnte nur Steine
und Sand erkennen. Und eine Gestalt. Ich wurde nervös. War die Gestalt etwa der
Grund, warum wir alle hier waren? Wenn ja, was wollte sie von uns? Ich stellte
die bestmögliche schärfe des Fernglases ein und schaute mir die Gestalt näher
an. Viel war nicht von ihr zu sehen. Sie trug eine lange, wallende Kutte, ganz
in schwarz. Unter der viel zu großen Kapuze schauten zwei rotglühende Augen
direkt in meine Richtung. Der Schreck, der mich durchfuhr, ist kaum zu
beschreiben. Dieselben Augen hatte ich bei meinem Unfall gesehen. Da bekam der
Ausdruck „Geisterfahrer“ eine ganz neue Bedeutung. Doch was mich am meisten
schockte, war die Tatsache, das er in seiner rechten Knochenhand, die aus der
rabenschwarzen Kutte hervorstach, eine gewaltige Sense hielt.


So, das war’s. Ob Martha recht hatte
oder nicht, war mir jetzt völlig egal. Da hinten wartete der wahrhaftige Tod
auf uns. Und der wollte uns bestimmt nicht nur zum Tee einladen. Bei meinem
Abstieg überlegte ich, wie es in dieser stillen Welt wohl weitergehen würde.
Alles in allem hatten wir es ja nicht soo schlecht getroffen. Wir hatten eine
gute alte Frau, zwei wunderschöne junge Frauen und mit Ron würde ich mich schon
einigen. Damit stand für mich fest, das wir wieder umkehren. Ich musste es nur
den anderen irgendwie verklickern.


Ron wachte als erster auf. Er schaute
sich kurz um und schon traten ihm wieder die Schweißperlen auf die Stirn.
Irgendetwas musste ihn hier ganz gewaltig stören. Bevor er noch etwas sagen
konnte, ließ ich ihn wissen, das wir nicht weitergehen würden. Das schien ihn
seltsamerweise zu beruhigen. Wir warteten noch auf die anderen, bevor ich
anfing zu Erklären. Ich berichtete, was ich gesehen hatte und wie unklug es
wäre, weiter zu gehen. Ron war sofort auf meiner Seite. Das war’s dann auch
schon. Alle anderen meinten, sie wären nicht so weit gegangen, nur um beim ersten
Anzeichen von Schwierigkeiten wieder umzukehren. Irina konnte überhaupt nicht
verstehen, das ich mich verdrücken wollte. Bis sie von Martha über meine
angebliche Angst vor dem Tod aufgeklärt wurde. Dann sagte sie etwas, das mir
bis heute im Gedächtnis hängen geblieben ist.


„Man sollte sich seinen Ängsten
stellen, sonst verfolgen sie dich dein Leben lang. Wir gehen weiter.“


„Sie hat recht.“ sagte Carmen.


„Tja, sieht nicht gut aus für dich,
mein Junge.“


„Ron?“ sagte ich fragend und schaute
dabei zu ihm hinüber.


„Wenn du zurück gehen willst, dann
komm ich mit.“


Das gefiel mir. Doch was mir weniger
gefiel war die Tatsache, das wir die Mädels dann allein lassen mussten. Es war
für mich eine echt schwere Entscheidung. Ich fing an mich zu fragen, ob Martha
nicht doch recht hatte. Doch wie es manchmal im Leben zugeht, wurde mir die
Entscheidung von einer ganz anderen Seite abgenommen.


*

Ähnliche Themen

Social Bookmarks